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EGSB-Projekt

Erfolgreiche gehörlose und schwerhörige Menschen im Beruf

Welche Faktoren tragen wesentlich dazu bei, dass gehörlose und schwerhörige Menschen beruflich erfolgreich sind?

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DAFEG Offener Brief

Brief der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge e.V. (DAFEG) vom 7.3.2002 an die Geschäftsführung der Wyeth Pharma GmbH in Münster

Offener Brief

Ihre Werbeaktion „Taub macht stumm“ bzw. „Knd lrnt sprchn?“

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Ihrer aktuellen Werbeaktion für Ihren Pneumokokken-Impfstoff – zunächst auf großen Plakaten quer durch ganz Deutschland, jetzt mittels großflächiger Anzeigen in verschiedenen Zeitschriften – benutzen Sie als Angst machende Negativ-Folie die Situation gehörloser Menschen in unzulässiger, beleidigender und ehrverletzender, kurz unethischer Art und Weise.

Während es durch den scheinbaren Rückzug Ihrer Plakat-Aktion zunächst so aussah, als hätten Sie für die bisherigen Proteste vieler Gehörloser, ihrer Freunde und Verbände wenigstens ein offenes Ohr gehabt (nachzulesen im Internet unter www.taubenschlag.de und www.dafeg.de), muss jetzt konstatiert werden, dass Sie sich den bisherigen Argumenten gegenüber als stocktaub erwiesen haben.

Nunmehr kann leider offenbar keine Einsicht mehr von Ihnen erwartet werden, es sollen aber einige Punkte klar und offen benannt werden.

  1. Ihr Interesse ist es offenbar nicht, gehörlose Menschen in diesem Land zu unterstützen, sondern einzig und allein die Umsatzzahlen Ihres Unternehmens durch den Verkauf Ihres Impfstoffes zu erhöhen. Dafür nehmen Sie in Kauf, dass Ihre Impfkampagne auf Kosten einer sprachlichen Minderheit ausgetragen wird.
  2. Eine positive Darstellung Ihres Impfstoffes bzw. seiner Wirkung ist Ihnen offenbar nicht möglich. So ist und bleibt Ihr Geschäft, die Impfung, –wie ein Buchtitel schon sagt – ein Geschäft mit der Angst.
  3. Sie suggerieren mit dieser Werbeaktion (historisch gesehen: wieder einmal), dass sich Gehörlosigkeit vermeiden lasse. Demgegenüber wissen wir: Jeder Versuch, Menschen gleichartig, gleichstark, gleichbehindert oder nicht behindert zu formen, sei es durch uniforme Erziehung, durch prä- oder postnatale Auslese, durch Sterilisation behinderter Menschen, durch Euthanasie oder durch medizinische Eingriffe, hat in der Menschheitsgeschichte mehr Schaden und Leid angerichtet als gutgemacht. Die Wunden gerade deutscher Geschichte der letzten 100 Jahre sind in diesem Bereich immer noch nicht verheilt. Mögen die Motive zur „Ausrottung“ von Besonderheiten menschlichen Lebens teilweise scheinbar edel gewesen sein - als hilfreich und gut auf dem Weg zu einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft haben sie sich wahrlich nicht erwiesen.
  4. Das Leben ist stärker! Als Christen wissen wir: Wir sind nicht selbst Schöpfer unseres Lebens. Und das ist gut so. Wir glauben, dass dieses Leben von Gott geschaffen ist: in seiner ganzen Vielfalt und Unterschiedlichkeit, Pracht und Fülle, mit allen Möglichkeiten und Chancen, aber auch mit allen Zumutungen und Einschränkungen. Ausdrücklich wird in der Bibel darauf hingewiesen: Gehörlose Menschen gehören ebenso wie andere zum guten Schöpfungsplan Gottes (2. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 11). Gehörlosigkeit ist also keine „Panne“, die es zu vermeiden gilt, sondern einfach eine Spielart des Lebens, eine von vielen guten Möglichkeiten. (Eine Einschränkung bei vielen Menschen ist beispielsweise, dass sie nie hundertprozentig Gebärdensprachkompetent werden können, eine Zumutung für gehörlose Menschen ist beispielsweise, dass sie in ihrem So-Sein zu wenig Anerkennung erfahren.)
  5. Die Gleichwertigkeit des Lebens gehörloser und hörender Menschen verlangt von uns gegenseitigen Respekt, würdevollen Umgang miteinander und die Anerkennung der hohen Lebensleistung im jeweils anderen Sprach- und Lebensbereich. Durch die Art Ihrer Impfwerbung haben Sie die Grundregeln angemessener Kommunikation gegenüber gehörlosen Menschen verletzt. Da Ihnen die Verletztheit gehörloser Menschen nach den ersten Protesten bekannt war, Sie aber die Möglichkeit des Rückzugs der Werbung nicht genutzt haben, muss Ihnen hierbei Vorsatz unterstellt werden.

Wir erwarten von Ihnen – wenn schon nicht Einsicht, dann doch – eine formale Bitte um Entschuldigung bei allen gehörlosen Menschen, die Sie vorsätzlich in ihrer Ehre verletzt haben. Eine mögliche Form dazu wäre – in Analogie zur Gegendarstellung im Presserecht – eine entsprechende Erklärung in gleicher Größe und Aufmachung wie die hier kritisierte Impfwerbung.

Für den Vorstand der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge

Pfr. Benno Weiß, Siegen
Pfr. Gerhard Wegner, Frankfurt

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